Valery Faminsky, Berlin Mai 1945 © Valery Faminsky / Arthur Bondar’s Private Collection

Valery Faminsky, Berlin Mai 1945 © Valery Faminsky / Arthur Bondar’s Private Collection. Falckensteinstraße, Ecke Schlesische Straße

Warschau 1939 © Stadtarchiv Passau

Warschau 1939 © Stadtarchiv Passau

Dieter Keller, Ukraine 1941/42 © Dr. Norbert Moos

Dieter Keller, Ukraine 1941/42 © Dr. Norbert Moos

NEUE ZEIT?

Warschau 1939 | Ukraine 1941/42 | Berlin 1945. 75 Jahre Kriegsende.


  • Ausstellung vom 12. September bis 25. Oktober 2020
  • Samstag und Sonntag 10 bis 20 Uhr | Eintritt frei | Ausweis erforderlich 

  • Zugang nur mit Zeitfensterticket, Buchung online unter www.fkwbh.eventbrite.com
  • Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung ist notwendig. Bitte halten Sie Abstand und beachten Sie die üblichen Hygieneregeln.


Die Ausstellung NEUE ZEIT? versammelt drei Fotoarchive: Die Aufnahmen eines unbekannten deutschen Soldaten beim Einmarsch in Warschau im Herbst 1939, Aufnahmen des dem Bauhaus nahestehenden Fotografen Dieter Keller von der ukrainischen Front 1941/42, sowie Fotografien des russischen Frontfotografen Valery Faminsky von der Befreiung Berlins und den ersten Friedenstagen in der Stadt im Mai 1945. 

Warum sind Menschen bereit, in den Krieg zu ziehen? Folgen sie Versprechungen, liefern sie sich den Lügen der Mächtigen aus, verschreiben sie sich Ideologien oder Wahnvorstellungen? Gibt es Chancen einer Zivilisierung durch die Konfrontation mit dem Schrecken, mit Leid, Not und Tod?

Vor einigen Jahren wurden die Fotografien des russischen Fotografen Valery Faminsky entdeckt und der deutschen Öffentlichkeit bekannt gemacht. Ein russischer Kriegsfotograf hatte seit 1943 den Krieg aus russischer Sicht dokumentiert. Im April 1945 erreichte er mit der Roten Armee Berlin. Er hatte einen Blick für das Leiden – der Soldaten sowohl wie für die in Berlin lebende Zivilbevölkerung. Die Stunde Null in Berlin als neuer Anfang, als Fortsetzung einer Geschichte.

Aber welcher?
Der Vergleich der Bilder von Faminsky mit den Aufnahmen eines bis heute unbekannten deutschen Fotografen. Er gehörte zu den Soldaten der deutschen Wehrmacht, die im Herbst 1939 Warschau besetzten. Der Vergleich beider Fotoserien ermöglicht den Blick auf den Beginn und auf das Ende des Krieges – zugleich aber mehr. Denn die Kamera deutet an, was vor und hinter den Menschen in Warschau, wie in Berlin liegt.

Und dazwischen?
Die 1941/42 entstandenen Fotografien von Dieter Keller, eines an der neuen Sachlichkeit orientierten Fotografen aus der Tradition des Bauhauses schildert den Krieg in der Ukraine, die Zerstörung der dörflichen, wie städtischen Lebenswelt, das Leiden von Mensch und Tier. Der Fotograf blickt auf Menschen, die wiederum nur wissen, was hinter ihnen, aber nicht was vor ihnen liegt. Der Fotograf aber weiß es, registriert den Tod, kontrastiert das Leiden mit einer Ordnung, die sich in Aufnahmen von Häusern, aber auch Pflanzen und Tieren greifen lässt.

Und heute?
Die Fotos dieser unterschiedlichen Archive machen den Zivilisationsbruch deutlich, den Krieg immer verkörpert. 1939, 1941/42 und 1945 und darüber hinaus. Betroffen ist der Mensch. Leiden ist individuell und setzt den empathischen Blick voraus, selbst dann, wo er dokumentierend sein will. Kriegsfotografen haben oft Militäraktionen und Siege verherrlicht, Ideologien propagiert und kriegerische Auseinandersetzungen legitimiert – große, berührende Kriegsfotografie aber intensiviert den Blick auf Menschen und leistet so einen wichtigen Beitrag zur humanen Orientierung. Sie machen deutlich, dass Menschen vielleicht – wie Fontane (selbst ein Kriegsberichterstatter) einmal vermutete – Mitleid nicht lernen könnten. Fontane war sich jedoch bewusst, dass Menschen stets in der Gefahr stünden, Mitleid zu verlernen. Die Fähigkeit, Leid zu empfinden, kann Wahrnehmungen und Blicke schärfen. So gesehen, ist die gleichzeitige Ausstellung von Fotografien aus Warschau im Herbst 1939, aus der Ukraine 1941/42 und aus Berlin im Mai 1945 der Versuch, in der Konfrontation mit Unterdrückung, Besatzung und Krieg, sowie Not und Leiden der betroffenen Zivilisten und Soldaten einen zivilisierenden Appell zu vermitteln. „Nie wieder!“ wir wissen es, gilt nicht, denn die große Zahl der nach 1945 kriegerisch zerstörten Städte lehrt anderes. Immer scheinen sich die Bilder zu gleichen: Warschau, Kiew, Berlin, Hiroshima, Hue und Aleppo. Immer noch stecken wir mittendrin…

Die Präsentation der Fotos in der Galerie des Willy-Brandt-Hauses betrachtet den Zeitraum 1939 bis 1945 und erzeugt einen Spannungsbogen zwischen Kriegsbeginn und Kriegsende. Dadurch unterläuft sie die Illusion der Stunde Null und des „Untergangs“. Fotografien sind für die Nachlebenden nicht nur wichtig, um eine dokumentarisch ‚dichte‘, und ‚verlässliche‘ Vorstellung einer authentischen Vergangenheit zu entwickeln und zu bewahren. Die Vergegenwärtigung des Vergangenen ist die vielleicht entscheidende Voraussetzung der Zivilisierung des politischen Zusammenlebens.

Mit dem Beginn des Rassen- und Weltanschauungskriegs von 1939 wurde das Ende vorgezeichnet. Zerstörung und Menschenvernichtung prägten sechs Jahre und unsere Wahrnehmung. Die Bilder distanzieren uns von dem ursprünglichen Versprechen, mit dem Krieg in eine „Neue Zeit“ zu gelangen. Die Folgen sind damals wie heute sichtbar.
Kriege waren nicht: sie sind!


Gisela Kayser (Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin Freundeskreis Willy-Brandt-Haus) ist  für das Gesamtkonzept der Ausstellungen im Willy-Brandt-Haus verantwortlich. Die Ausstellung NEUE ZEIT? wurde von Ana Druga und Thomas Gust (Agentur und Verlag Buchkunst Berlin) kuratiert.

Prof. Dr. Peter Steinbach (Historiker und Politikwissenschaftler) initiierte die Ausstellung NEUE ZEIT? und stellte die Fotografien des Archives „Warschau 1939“ bereit. Die Fotografien Dieter Kellers wurden von  Dr. Norbert Moos (Leiter des Forums für Fotografie, Köln) für die Ausstellung ausgeliehen und zusam-mengestellt. Arthur Bondar (Fotojournalist und Entdecker des Archivs Valery Faminskys) ermöglichte die Rückkehr der Bilder Faminskys nach Berlin. Uwe Neumärker (Direktor Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) gilt unser besonderer Dank für seine Unterstützung und die Möglichkeit der Kooperation mit der Ständigen Konferenz der NS-Gedenkorte im Berliner Raum.

Führungen
Begleitend zur Ausstellung finden kostenlose Führungen mit dem Fotografie-Dozenten und Verleger Thomas Gust am Sonntag, den 20. September, 27. September und 11. Oktober 2020 jeweils um 16 Uhr und am 25. Oktober 2020 um 16 Uhr und 18 Uhr statt. Angepasst an die aktuelle Situation werden die Führungen mit einer begrenzten Anzahl von Besucher*innen stattfinden. Anmeldung erforderlich unter mail@freundeskreis-wbh.de.  

Workshops 
Während der gesamten Ausstellungsdauer finden kostenlose Online-Workshops statt. Informationen zur Anmeldung und Terminen erhalten Sie unter mail@remove-this.freundeskreis-wbh.de.

Geschäftsführerin, Künstlerische Leiterin Gisela Kayser
Presseinformationen: T 030 25 99 37 87 | F 030 25 99 37 88
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